Der neugotische Traum

Das 19. Jahrhundert war vom Mittelalter fasziniert. Nach den Umwälzungen der Revolution träumten manche davon, eine idealisierte christliche Vergangenheit wiederzufinden. Das 13. Jahrhundert, das „schöne 13. Jahrhundert“, erschien als goldenes Zeitalter, in dem Glaube, Kunst und Gesellschaft ein harmonisches Ganzes gebildet hätten.

In Dinant bedeutete die Restaurierung der Stiftskirche daher, die Reinheit der französischen Gotik des 13. Jahrhunderts wiederherzustellen. Unter dem Einfluss von Jean-Baptiste Béthune und dem Architekten Auguste Van Assche entfernte man einen Teil späterer Veränderungen und schuf eine stilistische Einheit: Die Wände wurden freigelegt, ein neuer Hochaltar, ein Retabel, Beichtstühle und ein Kreuzweg entstanden.

Das große Glasfenster, das 1902 eingesetzt wurde, vollendete diese Umgestaltung. Die Stiftskirche, die wir heute sehen, ist somit zugleich eine Kirche des 13. Jahrhunderts und ein Spiegel des Mittelalters, wie das 19. Jahrhundert es wiederzufinden träumte.